Buon giorno, come stai?

Eloquenz, ein ausgefeiltes Sprachgefühl für das letzte Wort und gut placierte Pointen üben eine prickelnde Faszination auf mich aus. Wenn in meinem bisherigen Leben einmal die gute Fee vor meiner Tür gestanden hätte, um mir die freie Auswahl bei den legendären drei Wünsche zu offerieren, hätte ich mir sicher gewünscht, in allen Situationen und Ländern für den Rest meines Lebens immer das passende Wort parat zu haben.

Kultiviertes Oxford- Englisch ohne Akzent, an dem Professor Higgins seine reine Freude hätte, falls es eine Einladung bei Hofe geben sollte. Ich würde mit meinem Sprachvermögen beim Grand Prix  in Nizza oder dem Defilèe der Haut Couture  in Paris französisch parlieren, come il faut. Selbst Jägerlatein würde ich im stimmigen Ambiente zum Besten geben. Vor allem aber stünde mir das Italienische mit seinem gerollten R und der Musik im raschen Staccato, den üppigen Begrüßungsformeln und dem ironischen Unterton bei den Neckereien zwischen Freunden in allen nur vorstellbaren Dialektfärbungen zur Verfügung. Das schlaff hingehauchte K in Florenz und die treffsicher angewandte Vergangenheitsform passato remoto in Sizilien kämen mir so mühelos über die Lippen, wie die venezianischen Spezialausdrücke für Gaumenfreuden oder der Tonfall der Genuesen.

Ein Wortstrauß aus Kauderwelsch

Die Kunst der Gebärdensprache, die im Italienischen als Schwester des gesprochenen Wortes unverzichtbar ist, fiele mir dann auch gleich in den Schoß, oder besser in die Hände. Schöne Träume, tatsächlich jedoch sind mein Mienenspiel und meine Gesten im Vergleich zu den Südeuropäern merkwürdig ausdruckslos und auch bei den gesprochenen Worten kann ich nicht beliebig und selbstverständlich von einer Sprache in die andere zappen. Wenn das von mir gefordert wird, binde ich einen Wortstrauß aus schwer verständlichem Kauderwelsch zusammen. Die wundertätige Vertreterin für die geheimen Wünsche hat sich offensichtlich immer in der Tür geirrt, jedenfalls ist sie bislang bei mir nicht vorstellig geworden. Ich bin von der guten Fee und vielleicht auch allen anderen guten Geistern verlassen.

Um das, was ein Volk zusammen sich gestammelt, auch anwenden zu können, habe ich die üblichen aber auch die weniger gebräuchlichen Methoden zum Erlernen einer Fremdsprache ausprobiert. Wochenlang habe ich mit Wörterbüchern in verschiedener Ausführung unter dem Kopfkissen geschlafen und außer einem steifen Nacken keinen weiteren Resultate erzielen können. Ich habe Adriano Celentano auf volle Lautstärke gedreht und  mir seine Ohrwürmer mindestens zehnmal hintereinander angehört. Auch Gianna Nannini ist immer wieder zu Wort gekommen. Ich habe es mit der angeblich hundertprozentig erfolgreichen Super- Methode in einer Mischung aus Entspannungsübungen und Lernen probiert und traurig bilanziert, dass kein Wort jemals mein Unterbewusstsein erreichte und sich dort zum Bleiben einnistete.

Die Sprache bockt und verweigert sich

Ich habe beim Italiener so oft es ging grazie und prego gesagt und beim Bügeln ganz brav den Sprachkassetten mit den Fragen nach meinem Ergehen Auskunft gegeben. Selbst Flüche und Schimpfworte der deftigen Art habe ich als mein persönliches Sesam öffne dich ins Italienische einzusetzen versucht. Doch die Sprache bockt und verweigert sich mir, behänd schlüpften die Redewendungen und Vokabeln aus meinem Gedächtnis. Sie drehen und wenden sich und stellen Fallen. Bei der ersten wirklichen Bewährungsprobe versagen meine spärlichen Kenntnisse. Statt leichthin fabulierter Nettigkeiten klaube ich mühsam einige Worte zu ungelenken Sätzen zusammen. „Sprache ist ein Vorrat von sinnlich wahrnehmbaren Zeichen, die allein oder nach bestimmten Kombinationsregeln untereinander verbunden der Kommunikation dienen“, heißt es im Lexikon, doch nichts von dieser scheinbar selbstverständlichen Beredtheit gelingt mir auf italienisch.

Schmetterlingsfängerin ohne Ausbeute

Ich fühle mich wie eine Schmetterlingsfängerin mit geringen Quoten an Ausbeute. Mit einem großen Netz hasche ich einige Worte aus den vielen Sätzen und Erzählungen zusammen, schaue sie mir staunend an ob ihrer Farbigkeit und Größe und packe sie dann vorsichtig in mein Wort- Herbarium. Mühsam, aber stetig sammle ich neue Worte, doch sie stammen aus sehr unterschiedlichen Familien und fügen sich nicht ohne Weiteres zu wohlklingenden Sätzen zusammen. Die unverzichtbaren Grundbestandteile aus einer großen Wortfamilie sind mir noch längst nicht ins Netz gegangen Und immer ist es nur ein Wort aus einem Wörterbuch, das wiederum seinerseits nur ein weiteres Wort aus einem anderen Wörterbuch darstellt, der Blick auf das noch Unbekannte führt ins Unendliche.

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