Die Piazza und die Stiefmütterchen

Unterwegs mit einer Reisegruppe aus dem schönen Schwabenland in die Toskana. Wir gönnen uns ausreichend Zeit, um unterwegs immer wieder durch malerische Orte zu schlendern, die sich harmonisch um die zentral gelegene Kirche oder die Reste einer mittelalterliche Burg an der höchsten Stelle gruppieren. Wir staunen über die Kunst der Italiener, Freiräume und Plätze zu schaffen, die selbst in einem verlassen und armselig wirkenden Dorf ein Gefühl von Grandezza und Eleganz verströmen. 

In Städten wie Bologna, Venedig oder Florenz sind diese Plätze von herrschaftlichen Häusern gesäumt, die erzählen von vergangener Pracht und  rauschendem gesellschaftlichen Leben. In kleinen Orten reicht oft ein plätschernder Brunnen, oder ein üppig bestückter Zeitungskiosk, um der Piazza Kontur und Bedeutung zu verleihen.  Hier räkeln sich in  der Mittagshitze die Katzen auf den heißen Steinen. Wenn die Schatten länger werden, rücken sich die Männer des Dorfes vor der oft einizen Bar die wackeligen Plastikstühle zum Halbrund zusammen und tauschen die Alltäglichkeiten aus. Die Frauen stehen in Grüppchen zusammen, oder drehen ihre Runden und bespielen diese herrliche steienerne Bühne mit Gesten und Gelächter, während die Kinder sich mit wilden Spielen müde toben.

Erwartungsvoll hat sich unsere Schwabencrew auf die Ankunft in Siena vorbereitet. Hier bildet einer der sicherlich schönsten Plätze der Welt, die Piazza del Campo, das Herzstück der Stadt.  Das Halbrund wird von ehrwürdigen Palästen gesäumt, an der untersten Stelle des leicht abschüssigen Platzes steht das Rathaus, der Palazzo Pubblico. Von da aus steigt der Platz wie eine offene Muschel sanft nach oben an. Ein prachtvoller Brunnen  aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhundert an der oberen Hälfte des Muschelrandes betont die atemberaubende Harmonie dieses berückend schönen Platzes. Je nach Tageszeit schimmern die Fassaden  rötlich, ockerfarben oder golden. Der Platz lässt einen still werden, andächtig, dankbar für diese Schönheit.

Auch die schwäische Reisegruppe hat sich am Rand der Piazza niedergelassen, um das Ensemble auf sich wirken zu lassen. Da wird die andächtige Stille von einem trotzigen Kommentar gestört. „Gschmack henn se ja nett, die Italiener“, stellt eine der Frauen fest. Fragende Blicke nötigen ihr eine Erklärung für dieses harsche Urteil ab. “ No nettamol Stiefmütterle hen se pflanzt“, seufzt sie   „dabei henn se doch so viel Platz“.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.