Jetzt kommt eine Pause – keiner geht nach Hause

„Knapp drei Stunden, das stehen Sie durch“,  macht der Kartenkontrolleur im Maxim Gorki Theater Mut. Das Stück  „Common ground“ wird ohne Pause gegeben und dauert zwei Stunden und 45 Minuten.

In vielen Theatern greift der Verzicht auf die Pause  um sich. Der Trend geht zum Durchspielen. Ob William Shakespeare, Heiner Müller oder Anton Tschechow, die Stücke werden alle auf mehr oder minder zwei Stunden konzentriert.  In den Programmheften wird die Spieldauer inzwischen  mit dem Zusatz „keine Pause“ versehen, als wäre das ein Qualitätsmerkmal.

Ob sich die Theatermacher fürchten, danach könnten die Reihen leer sein? Geht es um frühzeitiges Ende zur Vermeidung von Nachtzuschlägen? Oder kommt einfach keiner mehr auf die Idee, dass eine Pause durchaus zu einem gelungenen Theaterabend dazugehören könnte?   Die Lust am Sehen und Gesehen werden spielt dabei  eine Rolle, auch wenn es – zumindest in Berlin –  längst nicht mehr üblich ist, sich für den Kulturgenuss in Schale zu werfen, um eventuell beim Flanieren durch den Gang bewundernde Blicke zu angeln.

Eine Brezel in der Pause

Warum sollte man im Theater auf dem Trockenen sitzen?  Allein wegen der  auch schon zu Ruhm gekommenen Pausenbrezel ( hat sie eigentlich nicht verdient, weil doch meist zu trocken)  und einem dazu passenden Getränk braucht es die Theaterpause. Diese Gepflogenheit hat schon der selige Georg Kreissler besungen.

Jetzt kommt eine Pause
Manche geh’n nach Hause
Manche trinken Brause
Das ist der Zweck der Pause

Auch das Allerweltslexikon Wikipedia würdigt die Bedeutung dieser Unterbrechung des Spiels an dramaturgisch vertretbaren Stellen. „Pausen dienen zur Erholung der Mitwirkenden und Zuschauer und oft auch zum Umbau des Bühnenbilds. Für die Zuschauer werden im  Foyer meist Getränke, oft auch Snacks oder kleine Mahlzeiten („Pausenbuffet“) zum Kauf angeboten“, heißt es da.

Ob mit oder ohne Buffet – mir jedenfalls fehlt die Pause bei einem Theaterbesuch, auch wenn ich eine Aufführung von knapp drei Stunden durchaus durchstehe. Das ist – nebenbei bemerkt- in Theatern mit unbequemer Bestuhlung und sehr engem Reihenabstand übrigens wahrlich eine Leistung!

Kunstaneignungspraktiken in der Theaterpause

Eine Pause, um einmal durchzuatmen und Eindrücke und Gedanken sortieren zu können, erhöht den Genuss des Abends. Während der Aufführung ist das Reden oder Kommentieren ja meist störend, zumindest für die Anderen, auch deshalb braucht es die Pause. Es kommt durchaus vor, dass der Nebenmann ganz andere Eindrücke sammelt und man mutmaßen könnte, er sähe Strindberg statt Ibsen, obwohl er sich doch im Sitz nebenan räkelt. Dafür ist Klarstellung in der Pause unverzichtbar.

Noch 2014 hatte die Deutsche Forschungsgemeinschaft ein Projekt gefördert, das sich mit den sprachlichen Kunstaneignungspraktiken in der Theaterpause befasste. Was aber wird aus der Forschung, wenn es keine Theaterpause und damit keine Kunstaneignung in der Pause mehr gibt.

Kann es sein, dass der Small Talk in der Theaterpause längst nicht mehr en vogue ist, weil ohnehin alle twittern oder auf Facebook in die Welt hinausposten, was sie gesehen haben.

Was sagen Sie nur zu dem Tenor?
Der kommt mir wirklich schrecklich vor
– Was reden Sie da? Der ist wunderbar!
– Aber nicht so gut, wie er einmal war!
– Was halten Sie von seinem hohen C?
– Das war doch kein C, das war ein B!

Bei Opernaufführungen vermisse ich die Pause vor allem schmerzlich, wenn ich aus den hohen Höhen des dritten Rangs tief unten im Parkett in der vordersten Reihe einen freien Sitzplatz entdecken konnte, der sich in der Pause  galant erobern ließe. Ohne Pause Fehlanzeige und keine Chance, dem Tenor wenigstens in der Schlussarie bei seinem hohen C bis auf das Zäpfchen zu schauen.

Zum Glück gibt es noch einige der alten Theater-Urgesteine wie Frank Castorf, die sich auf der Bühne Zeit lassen, inhaltliche Umwege einschlagen und gar nicht erst versuchen, bei ihren Inszenierungen der üblichen Dauer eines Kinofilms Konkurrenz zu machen. Eine Pausengarantie ist damit allerdings auch nicht verbunden. Die gibt es aber zuverlässig im Konzert.

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